SIX Rolf Lappert - May 14, 2013
May 14, 2013:
A few days ago, I went to Williamsburg. I walked from bar to bar, having a beer in each one—local beer, of course. I had wanted to see Williamsburg the last time I was in New York but only made it to other parts of Brooklyn, including Coney Island. That’s where my novel Nach Hause schwimmen [Swimming Home] is set, so in order to write about it I had to visit the area. But now I had time for an outing to Williamsburg. Around 2 in the morning I walked back to Manhattan across the Williamsburg Bridge—the view of both Manhattan and Brooklyn was spectacular.
I am currently working on a novel set in Hamburg, in Wilhelmsburg to be more precise. (Note the similarity to Williamsburg!) Before the land’s drainage and massive development, Wilhelmsburg was an island—which again shows that islands are an important setting in most of my novels. There is a building in Wilhelmsburg in which most of my story takes place. It’s a family story, of course. Many critics say there are too many stories about families, but I think there can’t be enough. My story is set in the winter, in a winter when the Außenalster lake freezes over. That might be comparable to the Hudson freezing over in New York—even though the two bodies of water probably don’t have much in common. I don’t know how often this happens in New York, but when it happens in Hamburg it’s quite an event, a public celebration. As soon as the ice is strong enough and the authorities give their permission, thousands of people start strolling on it.
It is slowly getting warmer and more summery in New York City, even though right now a small cold front is causing the temperature to drop. Sitting at my desk, I have to make an effort to conjure up an ice-cold winter in northern Germany. Only a few floors below my apartment, NYU students are playing tennis outdoors, the sun is shining, and the sky is almost cloudless. But in my novel it’s gloomy: Snow is often falling from a grey sky, and people are bundling up in thick winter clothing. When I look out of my apartment window, though, I see people in shorts and T-shirts. Luckily, in addition to my strong powers of make-believe, I have a vivid imagination, which currently really serves me quite well in imagining a wintry Hamburg. And when I have written a particularly convincing paragraph, I sometimes even feel slightly chilly… .
(Translation: Juliane Camfield and Marianna Szilbereky)

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14. Mai 2013:
Vor ein paar Tagen war ich in Williamsburg, das zu Brooklyn gehört. Ich bin von Bar zu Bar spaziert und habe in jeder ein Bier getrunken, lokales Bier, natürlich. Ich wollte schon bei meinem letzten Besuch in New York Williamsburg sehen, aber dann habe ich nur einen kleinen Teil von Brooklyn und Coney Island geschafft. Diese beiden Orte sind Schauplätze meines Romans Nach Hause schwimmen, und ich musste sie besuchen, um über sie schreiben zu können. Jetzt war genug Zeit für einen Ausflug nach Williamsburg. Gegen zwei Uhr am Morgen bin ich dann zu Fuß über die Williamsburg Bridge zurück nach Manhattan; der Blick auf beide Ufer war spektakulär.
Zurzeit arbeite ich an einem Roman, der in Hamburg spielt, genauer gesagt, in Wilhelmsburg. (Man bemerke die Ähnlichkeit zu Williamsburg!) Wilhelmsburg war früher, vor der Trockenlegung und massiven Bebauung, eine Insel – was wieder einmal beweist, dass in fast allen meinen Romanen Inseln einen Schauplatz bilden. Ein Haus steht da, in dem der größte Teil der Geschichte spielt. Eine Familiengeschichte, was sonst. Viele Kritiker meinen, es würden zu viele Familiengeschichten erzählt, aber ich finde, es können nicht genug davon erzählt werden. Meine Geschichte spielt im Winter, einem Winter, in dem die Außenalster zufriert. Das muss man sich so vorstellen, als würde in New York der Hudson zufrieren – auch wenn die beiden Gewässer wahrscheinlich nicht viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Ich weiß nicht, wie oft das in New York passiert, aber in Hamburg ist das jeweils ein Ereignis, ein Volksfest. Sobald das Eis trägt und von den Behörden freigegeben wird, tummeln sich Tausende von Menschen darauf.
In New York City wird es langsam sommerlich warm, auch wenn gerade eine kleine Kaltfront die Temperaturen fallen lässt. Wenn ich jetzt am Schreibtisch sitze und vor meinem geistigen Auge einen eiskalten Winter in Norddeutschland heraufzubeschwören versuche, muss ich mich ziemlich anstrengen. Nur ein paar Stockwerke unter mir spielen Studentinnen und Studenten der University of New York Tennis, die Sonne scheint und der Himmel ist fast wolkenlos. In meinem Roman ist es düster, aus einem grauen Himmel fällt oft Schnee, die Menschen sind dick in wärmende Kleidung eingepackt. Schaue ich aus dem Fenster meines Apartments, sehe ich Leute in kurzen Hosen und T-Shirts. Zum Glück habe ich neben einer blühenden Phantasie eine gute Vorstellungskraft, das hilft im Moment sehr, mich mental in ein winterliches Hamburg zu versetzen. Und wenn ich eine besonders gut gelungene Passage geschrieben habe, fröstelt mich manchmal sogar ein wenig…







