NEW YORK HAIKUS by Lisa Elsässer

don`t tell me of love
if fireworks there below
between leaves autum

Lisa Elsässer was born in 1951 in Bürglen in the Swiss canton of Uri. She has trained in various professions, amongst others as a librarian and as a bookseller. She has achieved a number of distinctions in her literary work;  her most recent publications are Die Finten der Liebe (Love’s Deceptions, short stories, 2011) and Da war doch was (There Really Was Something There, poems, 2013) and Feuer ist eine seltsame Sache (Fire is a Strange Thing, 2013).

Bernd Cailloux - Zu guter Letzt: Literatur in New York 1

Bei meinen Wanderungen durch New York lande ich immer wieder in Buchhandlungen, eine Berufskrankheit, die mich auch in anderen Städten regelmäßig befällt. Wahrscheinlich halte ich sie nach wie vor für Oasen der Vernunft in der Wüste des kommerziellen Wahnsinns, der die Konsumgläubigen insbesondere hier auf eine nicht enden wollende Einkaufstour schickt – der Rundkurs auf »steinernem Land« (indianisch Manhattan) ist belaufen wie jener in Mekka. Die New Yorker Geschäftsmodelle im Buchhandel sind den unsrigen durchaus ähnlich: es gibt junge Gründungen mit digitalem und Kaffeehaus-Service, Universitätsläden, die Filialen einiger Emigrantenländer, religiöse und etliche Used Books Shops wie den Housing Works Laden in der Crosby Street, eine luxuriös holzgetäfelte, etwas runtergekommene Bücherhalle … Dazu gibt es am Broadway eine der ältesten wie größten Buchhandlungen der Stadt, Strand, die aussieht, als würden die Unmengen Bücher dort mit dem Kipplaster ausgeladen … 18 Miles of Books, sagt seine Werbung. Und es gibt fast ein Dutzend Barnes & Noble-Filialen, für die der Begriff »Buchhandelskette« eher despektierlich ist – sie sind, jede für sich, fast altbacken englisch gestaltete, konservative Läden, in denen es nach altem Holz und Leder und einem Hauch Kuchen riecht. Der größte Büchertisch in der Filiale 5th Ave empfing mich mit dem Werbeschild: »Was Mama gerne lesen würde.«

Verlagsmenschen und Buchhändler sollten die nächsten Zeilen vielleicht überlesen – oder besser sehr, sehr ernst nehmen. Im McNally Jackson Books in der Prince Street, einem der neueren, extrem gut sortierten Buchläden, steht an exponierter Stelle eine technische Anlage in der Größe eines kleinen Zuse-Computers. Die teilverglaste Frontpartie ermöglicht den Blick ins Innere, wo geschichtetes Papier, Transportbänder und digitale Anzeigen zu sehen sind. Ein großes Typenschild erklärt das Ding – es ist eine »Espresso Book Machine«. Das italienische Wort wird auf einem weiteren Schild mit »fast« ins Englische übersetzt, demnach handelt es sich um eine selbstladende »Schnellbuchmaschine« … Die technische Beschreibung der EBM besagt, dass diese sieben Minuten braucht, um ein Buch zu drucken und zu binden, bei zuvor ausgewähltem Cover. Die Maschine ist an ein Netzwerk mit sieben Millionen Titeln angeschlossen, die – zusätzlich zu Eigenpublikationen – alle runtergeladen, gedruckt, getrimmt und gebunden werden können … in sieben Minuten. Das ist kein Witz und auch keine Kunst – die EBM ist eine technische, auch ästhetisch ansprechend konstruierte Maschine, die leise summend vor meinen Augen am nächsten Buch zu arbeiten beginnt … Momente später überreicht mir eine junge Buchhändlerin, die für mich nicht sichtbar hinter der Maschine saß, das fertige Buch: How to Write a Sentence — And How to Read One, von Stanley Fish, Preis 12 Dollar.

Von MacNally und Jackson lernen heißt verkaufen lernen, in ihrem besonders schönen und frisch wirkenden Laden, in dem sogar die deutschsprachige Literatur ein eigenes Regal belegt. Das Verhältnis der Literaturen beider Länder hat sich zuletzt einseitig entwickelt. Dabei besteht die deutsch-amerikanische Freundschaft in der Literatur seit Jahrhunderten, die besondere Achse Berlin-New York seit den Roaring Twenties. Am Broadway, wo amerikanische Touristen mit rund dreißig Musicals pro Jahr ihren kulturellen Nachholbedarf decken, ist Cabaret in der Saison 2014 schon zum x-ten Mal am Start und jeden Abend ausverkauft. Aus dem Deutschen übersetzte Belletristik ist hier ansonsten nur selten und oft als Bückware zu finden. Die bedeutenden amerikanischen Romanciers wie Bellow, Updike, Begley, Franzen und Philip Roth dagegen haben seit Jahrzehnten große Lesergemeinden in Deutschland, ebenso der schwierige, nie öffentlich auftretende Thomas Pynchon, den Gerüchte neuerdings in New York vermuten. Diese transatlantische Anhänglichkeit speziell in Berliner Lesekreisen erklärt sich unter anderem als dankbarer Nachhall auf die rettende Durchfütterung der westlichen Teilstadt, aber auch als Flucht vor der unschönen deutschen Vergangenheit. Sogar die 68er lasen US-Literatur, Rolf Dieter Brinkmann nahm einiges in den legendären Sammelband ACID auf, und mir gefielen insbesondere die »Komischen Nihilisten« aus New York: Donald Barthelme, Walter Abish und Leonard »Lenny« Michaels. In dessen Buch Trotzkis Garten finden sich die bis heute absurdesten Manhattan-Geschichten. Der King of Comedy aber war Donald Barthelme, ein schreibender Stand-up act, der noch jeden New Yorker Blödsinn zu feinsten Prosagespinsten veredelte, häufig als verdeckte Literatur- und Kunstkritik, stets voller Witz, Ironie und tieferer Bedeutung im Sinne eines seiner TitelKierkegaard gegenüber Schlegel unfair. (Neun von Barthelmes Büchern sind bei Suhrkamp erschienen, auf der privaten Geburtstagsparty zu Siegfried Unselds 60. wurden Barthelme-Stories vorgetragen).

Zum 750. Geburtstag Berlins waren New Yorker Autoren – darunter auch Grace Paley und Lisa Alther – zu einem »American Chapter« ins eine Woche lang überfüllte Hebbel Theater eingeladen worden. Während dieser Tage sah ich meine Lesehelden zum ersten Mal live und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte – Don B., Abish und der schmächtige William Gaddis in einem Restaurant am Landwehrkanal: Drei ältere Amerikaner in ihren graugemusterten, nach Schwarzweißfilmen der 50er Jahre aussehenden Anzügen standen fröhlich am Tresen und ließen das Eis in ihren Whiskeygläsern schaukeln: In New York, sagte Gaddis, sehen wir uns nur alle zehn Jahre.

Heute ist es schwierig, in ihrer Heimatstadt ein Buch von ihnen zu finden. Das Komische ist in die zahlreichen Comedy Clubs abgewandert, das Nihilistische ist in der Öffentlichkeit auf ewig verboten, der aktuelle Sommerhit heißt Happy, thatʼs it. Dabei fände ein satirischer Alltagskritiker Stoff ohne Ende. Es gibt jetzt endlich Eis mit Olivenöl- oder Biergeschmack, es gibt endlich trinkbare Sonnenmilch, und es gibt stark beworbene Testosteronmedikamente, deren Opfern wiederum die Spots von großen Anwaltskollektiven Hilfe bei Schadensersatzklagen anbieten.

Bernd Cailloux - June 3, 2014

Marode und teuer, geht also auch. Kein Wunder, dass die New York Times Anfang April auf eineinhalb Seiten ohne aufrichtiges Bedauern foto- und faktenreich feststellt: „Last Bohemian Turns Out the Lights“, der letzte Rebell und Künstler, Clayton Patterson, verlässt die Lower East Side und zieht in die österreichischen Alpen. Er hat genug von der Ruinierung dieses einst weltweit einflussreichen, bedeutenden Zentrums der Gegenkultur, von neuen, hässlichen Kettenläden, Edel-Restaurants und überhöhten Parkkosten. Der gar nicht empfindsam wirkende 65jährige Kerl, ein langhaariger Brocken mit ordentlich aus dem Bart geknotetem, blond auf die Brust gelegtem Mädchenzopf und Totenkopf auf der Kappe, gehörte als Galerist, Tattoo-Gesellschafts-Gründer und Fotograf zum underground-Adel des Viertels – aber, sagt er, die community, die kreative Energie, seine Lieblingsplätze sind weg, dafür werden die Drinks immer teurer. Dieses Lied, in Kreuzberg und Hamburg-Eimsbüttel  gut bekannt, wird auch in New York gesungen, was aber die Herren des Marktes hier und dort von ihren Absichten nicht abhält. Doch an Cafés und Kneipen aller Art besteht kein Mangel. Die von mir besuchten heißen „The bitter End“ oder „The double down Saloon“, ‚no hippies‘‚ und ‚shut up and drink‘ steht auf Schildern hinterm Tresen, dies Halt die Klappe gibt’s in vielen Variationen, ‚shut up and love New York‘ oder ‚shut up and be a nice guy‘. Der Volksmund sagt es ironisch: bitte keine Kritik, sei nett oder hau ab, und keine Nörgeleien über gar nichts… auch nicht über die in den weltbekannten Burgerbratereien plakatierte Warnung ‚20 Minuten seating limit‘. Stundenlang sitzen darf man in der „Bohne“, meinem neuen Stammcafé, in dem sich Zwanzigjährige bei Rockmusik aus den 70igern wohlfühlen, mit Laptop oder Hündchen oder beidem.

Ein fremdes Land lernt man am besten in seinen Supermärkten und Kneipen kennen, sagte mir Richard Brautigan einmal, und nicht in seinen Museen oder  Kathedralen. Von dem, was ich früher in New York kennenlernte, ist vieles noch da. Der von mir gern gehörte, einzigartige Sound der Stadt, das Grundrauschen, das Wind, Motoren, Autohupen und gnadenlose Signalhörner produzieren – manche nehmen per smartphone sogar das infernale Donnern einfahrender U-Bahnzüge auf, für späteres Wiederhören. Der Anspruch der New Yorker, unbedingt Spaß haben zu wollen, besteht nach wie vor und wird erfüllt.  Noch immer deutlich spürbar steigt das  Saturday Night Fieber, wenn die endlich pflichtbefreiten Massen überallhin ausschwärmen, Gentlemen und kleine Gauner ihre aufgebrezelten Ladies in feine Restaurants führen, wenn das Tempo nochmals einen Zahn höher geschaltet wird. Die dröhnenden Biker und vollgedröhnten Hells Angels sind noch da, sowie die am Union Square in Scharen tanzende Hare Krishna-Sekte, die Uno mit einem Haufen schwacher Kunst drum herum, die in ihrer Chinatown unter sich gebliebenen Chinesen sind noch da und die zahlreichen, schwer bepackten Parkbankbewohner auch. Der megakrasse Klassenunterschied, der private Luxus und der öffentliche Dreck blieben ebenfalls  erhalten – dieses Missverhältnis verstehe ich nicht so wie ich nicht verstehe, dass die Werbung die Köpfe zu kotet und die freien TV-Sender nicht von revoltierenden Massen gestürmt werden, dass gewisse Banken weiterhin die Börsenzahlen auf protzigen Laufbildern projezieren  dürfen und dass die Einkommensteuer, die fürs wohlhabende Bürgertum effektivste Gesetzesformel zum Geldverdienen, hier nach wie vor nur 3,9 Prozent beträgt… da kann der reiche Onkel schon mal ‘ne Sitzbank für den Central Park springen lassen. Die Widersprüche sind‘s, sagt die Designerin Nana, die New York so lebendig machen: handelt es sich also um eine bösartige Maschine, die Individualität auslöscht, Biographien zermalmt oder existiert hier ein Kraftfeld, das für die vielen Einzelnen genau das Gegenteil bewirken kann. So gesehen, ist die Stadt selbst ihr eigenes Museum und ein Future Lab zugleich.   

Clayton Patterson wird sich in den Alpen noch wundern, was ihm hier verloren ging. Jenseits der weltweit größten Einkaufspassage gibt es genug Neues. Völlig neu ist mir die Fahrradstadt New York mit ihren hunderten grünen Wegen und Radstraßen. Und das Grüne überhaupt, die manchmal glückende Wiedergewinnung der Natur wie bei der auf einer lange ungenutzten Hochbahntrasse angelegten, blumen- und buschbepflanzten, von viel Volk belaufenen ‚High Line‘ – der Fotograf Joel Sternfeld war eines nachts über die Zäune geklettert, sah was zwischen den rostigen Gleisen wuchs und sorgte bei der Verwaltung für den Bau des hochgelegten Spazierweges …Ein vernünftiges Verständnis füreinander, ja, eine angenehme Freundlichkeit scheint eingezogen zu sein und die Egos zu dämpfen. Soziale Kompetenz ist hier das Entscheidende, sagt mein Freund Timo, seit vier Jahren im Kunsthandel dabei. Der Gemeinsinn rührt sich bereits seit längerem  – dafür gehen die  Daumen hoch.

Es gibt also wenig Grund zu klagen. Ich arbeite bis um vier, dann geh‘ ich shoppen, ich bin ein New Yorker – so sieht‘s aus. In Wahrheit gilt jedoch auch für mich noch immer, was der einst bedeutende  „Polyglott“-Verlag 1971 als seinen ersten Satz in den von mir benutzten Reiseführer geschrieben hat:

„New York, das ist zunächst New York City , die aus den Stadtteilen Manhattan, Bronx, Queens, Brooklyn und Richmond bestehende Stadt im eigentlichen Sinn.“  

Bernd Cailloux - May 29, 2014

Vor gut einer Woche bin ich umgezogen – vom Resort „Zur Bleiche“ in Burg im menschenarmen Spreewald in die Bleeckerstreet in Manhattan, gebleicht wurde halt überall. Von einem einmonatigen Hotelstipendium (ohne finanzielle Zuwendung) ging‘s zu einem Aufenthalt als Writer-in-Residenz an der New York University (quasi als Stadtschreiber von New York, das muss ja auch jemand machen). Ein einstöckiges, ehemaliges Stallgebäude, das zur Uni gehörende Deutsche Haus, ein deutsches Häuschen eher, ist des writers Residenz, was dort keinen weiter stört. Teilweise entlohnt mich der jederzeit prächtige Anblick der recht unbedeutenden Mercer-Street gegenüber, ein Panorama unterschiedlichster größerer und kleinerer Büro- oder Wohngebäude, mal fünfzehn, mal vier Stock hoch, mal sechzig, mal sechs Meter breit, 130 oder 30 Jahre alt, jede Fassade in der Reihe anders gestaltet, mal mit weithin sichtbaren, weißen Säulen vor den letzten beiden Stockwerken, mal schmuck, mal schlicht, ohne und mit den hinunterführenden, gusseisernen Feuertreppen. Was am Bau selbst technisch nicht zu machen war, wurde häufig als Sahnehäubchen auf dem Dach nachgeholt – mit einer kleinen Kapelle, einem Zwergenhaus oder einem Garten nebst Wäldchen. Diese Stadtbauten wachsen mir entgegen, überlagern sich optisch, linsen durch Lücken, tragen noch alle zusätzliche Zylinder oben drauf, diese blechernen, auf Stelzen stehenden Wassertanks, hochgradig rätselhaft wie Wohnungsmieten. Diese tour d’horizon, das Ankucken von Architektur, betreibe ich dauernd, nicht denken wollen, nur kucken, ist ein bisschen romantisch-dumm, kann aber süchtig machen – „don’t wanna talk politics today, I feel too good, let me have my way“, sang der Village-Bewohner Lou Reed. Nicht die weltberühmten, sondern die im Ortsvergleich halbwegs normalen Gebäude bilden den Rahmen, in dem sich viele Menschen politikfern nach Reed bewegen – höchst unterschiedliche Individualisten, eine Weltauswahl aus allen Erdteilen stammender Menschen, die das Bild einer  New York eigenen Rasse formen. Die weiße Bevölkerung ist mit 46% seit kurzem in der Minderheit, die Mehrheit stellen Afrika, Asien und Latinos (von amtswegen ist die Stadt zweisprachig wie die Niederlausitz). Nahezu alle bemühen sich modisch wie anti-modisch um ein zu ihrer Persönlichkeit passendes Aussehen, unterstützt von zehntausenden Klamottenläden… sie wollen offenbar im Wimmelbild der Westside bella figura machen, daher bekucke ich auch sie ständig aus den Augenwinkeln. Bei den Bewohnern östlicher oder außerhalb Manhattans liegender Stadtteile wird in der Hinsicht weniger Aufwand betrieben… Im Zentrum  des West-Village sind es Tag und Nacht für Strand und Sport gekleidete Studenten, die hier studieren, subventioniert wohnen und abends einen drauf machen in zahllosen brüllendvollen Kneipen und etwas stilleren Cafés.

Der privaten Uni gehören etliche Wolkenkratzer, Krankenhäuser und ganz viel Grund und Boden im Dorf, clever, die Leute. Als ich auf der Suche nach meinen Kontaktpersonen das erste, uni-beflaggte Gebäude betrat, war`s ein großer Schmuck-, Buch- und Textilladen mit uni-gelabelten Waren. Auch die über 30 Stock hohen Silver-Towers, mit mir im 1-Bedroom-Appartment 7 E, gehören der Uni, manche Profs bleiben hier ihr Leben lang. Nur wenige Schritte entfernt schon der Broadway, die 33 Kilometer lange Monsterstraße mit einem gefälligen Teilabschnitt, und noch ein paar Schritte weiter östlich die Bowery, die mich vor vierzig Jahren als dramatisch überlaufene Elendsstraße voller Pappunterkünfte erschreckte. Damals war ich insgesamt so schockiert, dass ich nach drei Tagen die Stadt fluchtartig verließ – erste große Reise mit 25 und dann New York. Mein Tagebuch (später mehr) beginnt am 7.September 1972: „Eben noch mit einem sehr aufgeräumten Allen Ginsberg aufwärts im Fahrstuhl – im Chelsea Hotel Zimmer 332 angekommen, muß ich erst einmal auf dem Bett ein Dutzend ausgewachsene Kakerlaken töten. New York. Village. Chelsea.“ Der Seiten später beschriebene junge Mann, der „mit ausgefranstem Haar, die Füße wie ein Kriegsgefangener in Lumpen gewickelt  schreiend und sich ohrfeigend durchs Village läuft“ hat zum Schock beigetragen – so entstand meine erste veröffentlichte Geschichte überhaupt, Titel „Reisen in Katastasia“.

Ins Bessere verändert, versorgt mich die Bowery nun in ihren Off-Chelsea-Galerien mit einer ersten Prise Kunst und sonntags und montags mit Gedichten in einem schwülstig als Ballroom dekorierten „House of Poetry“ – ab Dienstag schwenken hier wieder Tänzerinnen einer Burlesque-show alles, was sie haben, im Anschluss  glutenfreies Dinner. Mit diesen Brüchen, den schnell wechselnden, sich widersprechenden Eindrücken, muss der Fremde klar kommen…New York ist nach wie vor ein Ort der mich hin- und her reißenden, heftig schwankenden Gefühle – fasziniert und abgestoßen zugleich, bin ich stets im love/hate-Modus. Aus Nostalgie besuche ich die Quartiere, in denen ich früher gewohnt habe, in den 80ern  einen furchtbaren Winter lang in der John- Ecke Wallstreet, wo dieses Haus   überraschenderweise neben der Ground Zero Gedenkstätte noch steht. Dort stehen die bereits fertiggestellten zwei von sechs geplanten Neubauten des WTC-Gesamtkomplexes, bei meiner Erstbesteigung anno 72 waren es noch zwei brandneue Wolkenkratzer. So weit ich mich erinnere, wäre ich dort oben auf dem Turm fast seekrank geworden – die deutlich spürbare Schwankungsbreite im gefühlt 142. Stock betrug eineinhalb bis zwei Meter. Das erste neue und nun New Yorks höchstes Gebäude muss entstanden sein wie ein Spielfilm entsteht, bei dem jeder Geldgeber Änderungen verlangt, so dass in diesem Fall vom sonst so markanten Stil Daniel Libeskinds praktisch nichts mehr zu erkennen ist.  Schaue beim Chelsea-Hotel in der 23. West vorbei, welches für 80 Millionen verkauft, nun renoviert und dann als etwas anderes neueröffnet wird, uptown folgen jede Menge elegante, neu zu besteigende Glasberge der internationalen Architektenelite. Wechsele rüber zur Eastside, über zerbröselndes Trottoir, weggeknickte Bordsteine, zigmal schlecht geflickte Straßen – aber auch in billigere Supermärkte, die Erinnerung kommt zurück. St.Marks Place, unsere alte Juxgegend, der Thompkins Square Park, ein Ort der Lesungen mit John Giorno and „the fast speaking woman“ Anne Waldmann, der Besäufnisse und dem filmmakers-Kino - im heute gewöhnungsbedürftig überfüllten Park gab’s Ende der 80er die letzten gewalttätigen Demos in der Stadt. Dann wieder schön, schmiedeeisern umzäunt und mit weißem Spezialstreu wie in einer Manege belegt: der „Thompkins Park Dog Run“, auch voll mit nach Größe vorsortierten Hunden und Herrchen, die die fallenden Würstchen erahnen und mit  eigens dafür konstruierten Schaufeln rechtzeitig auffangen. Das öffentliche Örtchen fürs menschliche Bedürfnis dagegen, ohnehin nur an Parks zu finden, schockiert mich so, dass ich sofort einen Toilettenführer schreiben wollte, um am nächsten Tag einen bereits fertigen im berühmten St.Marks Buchladen zu sehen: den „15 Point Guide to Peeing free in the City“ von Ray Tempus, sicher ein nom de toilette.  Schritte entfernt verkündet ein wiederum erfreuliches Plakat – „The little Dog Playgroup will meet Sundays at 11.30 am“. Doch in puncto Schäbigkeit hat sich die Gegend nach meiner Erinnerung seit vier Jahrzehnten kaum verändert.

Stimmt, sagt Regula, die Deutschlehrerin, die Häuser, Straßen und Parks sind so wie früher geblieben, nur die Mieten steigen ins Unerschwingliche…

Bernd Cailloux - May 16, 2014

Es regnet morgens, es regnet nachmittags, nach zwei Tagen warmer Sonne, zwei Tage Mordsregen, Mitte April vier Grad, die Bäume vorm Haus knospen seit vorgestern, an jedem Baumstamm ein in den Rasen gestecktes Schild, ‚für Hunde verboten‘…auf der Straße ein kleines Auto mit hinten schräg herauswachsender, meterlanger Red-Bull-Blechbüchse, nebenan auf dem Dach des universitätseigenen Fitnesscenters asiatische US-Studenten bei einer verrenkten Art Tennis, sehr junge andere Studenten joggen auf  violetten, um die sechs Tennisplätze herumgeführten Bahnen in einer für Amerikas Zukunft besorgniserregenden Körperhaltung – aber sie tun es. In der 6 E übt ein Mädchen oder junge Frau wieder Klavierstücke, der Vater sagt, die Tochter besucht ein ‚serious‘ Konservatorium, Prokofjew, Romeo und Julia, schwierig, schwierig, ja die seriöse  Kunst, der Sound, das Wetter verringert die Betriebsamkeit, Zeit für…

Doch wie schreibt einer, auch noch erstmals, einen Blogbeitrag? Atemlos wie angedeutet, oder wie einen Zeitungstext,  vielleicht sich  vernerdet gebend, oder im small talk mit  pointensprühender Tendenz zu noch smallerem  talk, verfasst in, auf oder für einen Unterhaltungsblog, als Pulp Essay oder besser mit traditionellem Ansatz… ‚Erste Eindrücke in New York auf den zweiten Blick‘… literarisch also? Doch Vorsicht, alter Bauchredner, blogs werden für die Ewigkeit geschrieben…  Nach zwei Stunden klaviermusikunterlegtem, verantwortungsvollem Überlegens ist klar – ich werde die Sache so ernsthaft wie möglich auf die leichte Schulter nehmen!

Der erste Eindruck auf amerikanischem Boden bestand aus zwei Aspekten. Zum einen war die Einreisehalle mit irrwitzig langen, serpentinenartig aufgereihten Menschenschlangen überfüllt wie einst Ellis Island,  zum anderen bahnte sich durch die Wartenden hindurch eine würdig schreitende, stumme Prozession ihren Weg. Ein aus zehn, zwölf Polizisten bestehender Kordon sicherte zwei schwer einzuordnende, arabisch, nordafrikanisch, aber auch panamerikanisch aussehende, schlabbrige Jogginganzüge tragende Männer in Handschellen, die langsam zu einem Fahrstuhl geschoben wurden – so einen traurigen, ja zu Tode betrübten Gesichtsausdruck wie den dieser beiden, ob gefährlicher oder nur blinder Passagiere hatte ich lange nicht gesehen. Der Anblick wirkte, auch der von meinem Schreibtisch aus: die über den auf der anderen Seite stehenden Häusern von Norden nach Süden einschwebenden Flugzeuge fliegen in meinen Augen nach wie vor zielsicher direkt in die nur Sekunden entfernten Türme des World-Trade-Center…

Die still verharrende Schlange im JFK-Flughafen schätzten wir – zwei im Flugzeug kennengelernte Männer und ich – auf drei, bis vier Stunden Zeitaufwand. Die beiden führen eine Neuköllner PR- und Eventfirma namens Papa, Mama und noch etwas, schon schräg genug und mehr: sie hatten den Vertrag für den weltweiten Werbeetat einer vergleichbaren, großen New Yorker Firma im Sack, bzw. im ständig gescrollten Laptop für die Abschlussverhandlung… Einem der beiden, mit Frau und Kind unterwegs, wurde die Wartezeit zu lang. Heftig gestikulierend zeigte er einem security-man die Tasche mit Babyspielzeug und zack spazierten wir drei  unangetastet durch alle Sperren… wie einfach, dachte ich, Terrorismus ist möglich. Und welche Manager wären die besseren, die deutschen oder die amerikanischen? Kommt drauf an, sagte er, so geht’s jedenfalls nicht.  

Nach der Einreise im Fernfliegerterminal folgt ein langer Gang, der mir seit meiner ersten Ankunft hier vor über vierzig Jahren bekannt ist. Den erst vor einigen Tagen hier gesehenen Bilderschmuck – vermutlich touristische Foto-Poster – hab‘ ich vergessen, den damaligen nicht: alles gültige Geld der Welt hing an den Wänden, in übersichtlichen Schaukästen befanden sich hinter Glas die Münzen und Scheine eines jeden, zu dem Zeitpunkt existierenden Staates, eine sinnvolle, sauber gemachte Ausstellung, da wusste jeder gerade gelandete Passagier, um was es in diesem Land geht. Heute ist es mit dem bunten Geld, vor allem dem ‚greenback‘,  nicht mehr so einfach. Einen Hunderter nimmt niemand an, bei einem Fünfziger kommen ein, zwei Kontrollpersonen zur Supermarktkasse geeilt, fummeln und riechen ausgiebig an dem Schein, kucken ihn und den wartenden Kunden an wie Falschgeld – das gute, alte Bare stirbt aus, es leben die Kredit-, Rabatt-, Kunden-, Mitglieds-, Freundschafts- und digital aufladbare Metro- und Waschmaschinen-Karten. Glücklich ist, wer vergisst, wie scheißteuer dieses Land geworden ist… 

(English translation to follow shortly.)

Lea Schönfelder - March 25, 2014

Harlemimage

Lea Schönfelder - March 11, 2014

Central Park

Lea Schönfelder - March 4, 2014

Brown Bear, North American Hall at Museum of Natural History

Lea Schönfelder - Februrary 27, 2014

Juliane Camfield

Franziska Zeiner

Lea Schönfelder - February 20, 2014

Telos Conference on democracy, German House

Selbstportrait in New York